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Die ganze Geschichte

Zwei Helme,
ein Ziel

Mit dem Töffli nach Monaco
Wimmis → Monaco · 17.–22. Juli 2026
Wie alles begann

Prolog

Manche Abenteuer beginnen mit monatelanger Planung.

Unseres begann mit einem einzigen Satz.

«Komm, wir fahren mit dem Töffli nach Monaco.»

Ein Satz, über den wir zuerst lachten.

Doch aus diesem Lachen wurde eine Idee. Aus einer Idee wurde ein Plan. Und aus einem Plan wurden zwei Puch Maxi, zwei Helme, ein Anhänger voller Werkzeug und unzählige Abende in der Werkstatt.

Je näher der Start rückte, desto häufiger hörten wir dieselben Fragen.

«Meint ihr das wirklich ernst?»

«Mit einem Mofa?»

«Seid ihr verrückt?»

Vielleicht hatten sie sogar recht.

Denn vernünftig war diese Idee nie.

Mit knapp 30 km/h über Alpenpässe, durch Italien bis nach Monaco zu fahren — mit Maschinen, die älter sind als viele Menschen, denen wir unterwegs begegnen würden — klang nicht nach einem guten Plan.

Es klang nach einer Schnapsidee.

Doch oft sind es genau diese Ideen, die man ein Leben lang nicht mehr vergisst.

Diese Geschichte handelt nicht von Geschwindigkeit.

Nicht von Rekorden.

Und auch nicht davon, möglichst schnell ans Ziel zu kommen.

Sie handelt von kleinen Motoren und grossen Träumen. Von ölverschmierten Händen, platten Reifen, Gewittern, brütender Hitze und Begegnungen, die uns bis heute ein Lächeln ins Gesicht zaubern.

Sie erzählt von Ausdrücken wie «Onder de boom», «Piccolo Motore», «Piano, piano» oder «Avanti!». Für die meisten Menschen sind es gewöhnliche Worte. Für uns sind sie zu Erinnerungen geworden — Erinnerungen an eine Reise, die wir niemals vergessen werden.

Vor allem aber ist diese Geschichte eine Geschichte über Freundschaft.

Puch Maxi am Thunersee
Wo alles begann

Denn egal, wie gut man plant — irgendwo unterwegs läuft immer etwas schief.

Dann ist es nicht das Werkzeug, das den Unterschied macht.

Sondern der Mensch, der neben dir steht.

Vielleicht sind andere schon weiter gefahren.

Vielleicht sind andere höher geklettert.

Vielleicht haben andere grössere Abenteuer erlebt.

Darum geht es in dieser Geschichte aber nicht.

Es geht um unsere Geschichte.

Eine Geschichte, die mit einer verrückten Idee begann und uns an einen Ort führte, den wir lange nur aus dem Fernsehen kannten.

Und genau deshalb ist sie einzigartig.

Kapitel 1

Es wird ernst

17. Juli 2026
Wimmis → Aeschi → Wimmis

Die eigentliche Reise begann nicht am 18. Juli.

Sie begann Wochen vorher. In meiner Werkstatt.

Während viele dachten, wir würden einfach zwei Mofas bereitmachen und losfahren, sah die Realität ganz anders aus.

Die meiste Vorbereitung lag in meinen Händen. Nicht, weil sie dort liegen musste, sondern weil ich sie dort haben wollte. Ich bin jemand, der Dinge erst loslassen kann, wenn ich weiss, dass sie so gut sind, wie ich sie nur irgendwie machen konnte. Mein Stolz war zu gross, um mich unterwegs fragen zu müssen, ob ich noch etwas hätte besser machen können. Wenn wir scheitern würden, dann nicht, weil ich zu wenig vorbereitet hatte.

Was den Druck zusätzlich erhöhte, war Simons blaue Maxi. Sie lief vor der Reise überhaupt nicht so, wie sie sollte. Irgendwo musste der Fehler liegen, und ich wollte ihn finden. Gleichzeitig durfte ich meine eigene Maxi nicht vernachlässigen. Am Ende mussten beide zuverlässig laufen. Es hätte nichts gebracht, wenn nur eine Maschine bereit gewesen wäre.

Schon früh standen wir vor einer wichtigen Entscheidung.

Ursprünglich wollten wir beide mit einem eigenen Anhänger fahren. Je länger wir planten, desto klarer wurde aber, dass das keinen Sinn ergab. Zwei Anhänger bedeuteten mehr Gewicht, mehr Rollwiderstand und doppelt so viele mögliche Probleme.

Also entschieden wir uns für nur einen Anhänger.

Auf dem Papier sparten wir damit Gewicht.

In Wirklichkeit begann genau hier die grösste Herausforderung.

Plötzlich musste alles in einen einzigen Anhänger passen. Der Platz war zwar überraschend gross, aber eben nicht unendlich. Jeder Gegenstand musste sich seinen Platz verdienen. Alles musste möglichst leicht, kompakt und gleichzeitig unverzichtbar sein.

Eigentlich wollten wir die ganze Reise live übertragen. Die Leute sollten uns unterwegs begleiten können und nicht erst am Abend Fotos oder Videos sehen.

Dafür planten wir mit Kameras, Technik und einer riesigen Powerbank. Der Livestream funktionierte am Ende allerdings kaum. Mal machte YouTube Probleme, mal war die Mobilfunkverbindung einfach zu schlecht.

Mitgenommen hatten wir die Technik trotzdem. Allein die Powerbank brachte rund zwanzig Kilogramm auf die Waage und versorgte uns während der gesamten Reise zuverlässig mit Strom.

Zusammen mit Werkzeug, Ersatzteilen, Benzin und Gepäck wog unser Anhänger am Ende rund 56 Kilogramm.

Für ein Auto wäre das kaum der Rede wert gewesen.

Für zwei Puch Maxi war es eine gewaltige Herausforderung.

Jetzt mussten die Motoren genau auf diese Belastung abgestimmt werden. Die Übersetzung durfte nicht zu lang sein, sonst fehlte an jeder Steigung die Kraft. War sie zu kurz, drehten die Motoren unnötig hoch.

Noch schwieriger war die Kupplung. Sie musste beim Anfahren kurz schleifen, um genügend Drehmoment aufzubauen. Gleichzeitig durfte sie aber nicht zu lange schleifen, weil dadurch enorme Hitze entstand und sie unterwegs schnell an ihre Grenzen gekommen wäre.

Also baute ich sie immer wieder aus.

Veränderte etwas.

Baute sie wieder ein.

Probefahrt.

Wieder auseinander.

Kupplung rein.

Kupplung raus.

Immer wieder.

Bis ich irgendwann das Gefühl hatte, den bestmöglichen Kompromiss gefunden zu haben.

Doch nicht nur der Motor machte mir Sorgen. Unsere Puch Maxi waren nie dafür gebaut worden, hunderte Kilometer mit einem schweren Anhänger zurückzulegen.

Sie waren Schmuckstücke.

Gebaut, um gut auszusehen.

Nicht, um besonders bequem zu sein.

Die hinteren Räder sassen so tief im Radkasten, dass die Federung kaum noch arbeiten konnte. Unsere Sättel waren schön anzusehen, aber sicher nicht für stundenlange Etappen gemacht. Gepäckträger gab es keine, Sattelstützen ebenfalls nicht. Und einen Anhänger anzukuppeln war eigentlich überhaupt nie vorgesehen.

Alleine hätte ich dafür keine Lösung gefunden.

Zum Glück bekam ich Hilfe.

Gemeinsam entstand eine Anhängerkupplung, die genau zu unseren Mofas passte und stabil genug war, um dieses Abenteuer überhaupt erst möglich zu machen.

Ein grosser Vorteil war allerdings, dass beide Maxi technisch identisch aufgebaut waren.

Gleiche Motoren.

Gleiche Kupplungen.

Gleiche Zylinder.

Dadurch konnten wir viele Ersatzteile nur einmal mitnehmen und sparten wertvollen Platz.

Trotzdem musste jedes Werkzeug genau überlegt sein. Ich wollte unterwegs einen Motor komplett zerlegen und wieder zusammenbauen können. Aber ich konnte unmöglich einen ganzen Werkzeugkasten mitnehmen.

Also nahm ich keine kompletten Schlüsselsätze mit, sondern nur genau die Werkzeuge, die ich wirklich brauchen würde.

Jedes Gramm zählte.

Bei den Kleidern waren wir deutlich kompromissloser.

Saubere Kleidung war Luxus.

Und auf Luxus konnten wir verzichten.

Zumindest dachten wir das.

Im Nachhinein würden wir diese Entscheidung noch ein wenig bereuen.

Tatsächlich hatten wir am Ende mehr Ersatzteile für unsere Mofas dabei als Kleidung für uns selbst.

Wochen vor der Abreise machte ich immer wieder Probefahrten. Den Anhänger belud ich mit Gartenplatten, bis ungefähr 44 Kilogramm erreicht waren.

Für mich war klar:

Mehr würde der Anhänger später niemals wiegen.

Die erste Probefahrt war ernüchternd. Schon beim Anfahren merkte ich, wie stark das Gewicht an der Kupplung zog.

So konnte das nicht funktionieren.

Also begann das Abstimmen von vorne.

Andere Übersetzung.

Kupplung anpassen.

Wieder testen.

Irgendwann war ich an einem Punkt angekommen, an dem ich wusste:

Mehr kann ich aus diesen beiden Mofas nicht herausholen.

Kurz vor der Abreise machte ich den letzten Test. Ich lud den Anhänger genau so, wie wir nach Monaco fahren würden.

Dann traf mich fast der Schlag.

Wochen zuvor hatte ich den Anhänger mit Gartenplatten bis an die Grenze beladen. Mit rund 44 Kilogramm Zuladung war ich überzeugt gewesen, dass das mehr als genug Reserve war und wir dieses Gewicht auf der Reise niemals erreichen würden.

Doch jetzt zeigte die Waage etwas ganz anderes.

Der Anhänger wog komplett beladen 56 Kilogramm.

Das bedeutete rund 43 Kilogramm Gepäck — und meinen Rucksack hatte ich noch nicht einmal auf dem Rücken.

In diesem Moment wurde mir klar, dass wir praktisch genau dort gelandet waren, wo ich bei den Testfahrten die absolute Grenze gesehen hatte.

Für Änderungen war es zu spät.

Es blieb nur noch eine Möglichkeit.

Darauf zu vertrauen, dass all die Stunden in der Werkstatt ausreichen würden.

Alles andere mussten wir unterwegs irgendwie kompensieren.

Tag 1

Der Anfang eines Traums

18. Juli 2026
Wimmis → Frutigen → Kandersteg → Goppenstein → Iselle → Domodossola → Arona

Es hatte gerade erst aufgehört zu regnen.

Punkt sieben Uhr morgens trat ich vor die Haustüre. Die Strasse war noch nass und meine Puch Maxi stand zum ersten Mal komplett reisefertig vor mir. Der Anhänger war bis oben hin beladen, der Rucksack drückte schwer auf meinen Schultern.

Wochenlang hatte ich geplant, getestet und vorbereitet.

Jetzt musste sich zeigen, ob all die Stunden in der Werkstatt gereicht hatten.

Trotz allem hatte ich ein komisches Gefühl im Bauch. Ich wusste: Sobald der Motor läuft, gibt es kein Zurück mehr.

Auf unserer Terrasse stand meine Frau. Sie winkte mir nach, bis ich hinter der nächsten Ecke verschwand. Erst als ich sie nicht mehr sehen konnte, wurde mir bewusst, dass ich gerade alles Vertraute hinter mir liess. Vor mir lagen Tage voller Ungewissheit — und ein Abenteuer, auf das wir so lange hingearbeitet hatten.

Mit dem Pullover machte ich mich auf den Weg Richtung Frutigen. Dort wartete Simon bereits auf mich.

Zum ersten Mal an diesem Morgen hörte ich über unsere Gegensprechanlage nicht mehr nur meine eigenen Gedanken, sondern auch seine Stimme.

Von diesem Moment an gab es kein Warten mehr.

Keine Vorbereitungen.

Keine Ausreden.

Jetzt waren wir unterwegs.

Gemeinsam.

Richtung Kandersteg.

Die ersten Steigungen zeigten sofort, dass unsere Mofas jetzt richtig arbeiten mussten. Zum ersten Mal spürten wir das zusätzliche Gewicht. Der schwere Rucksack auf dem Rücken und der voll beladene Anhänger machten sich sofort bemerkbar.

Oben angekommen wartete bereits der Autoverlad. Ein kleiner Luxus, den wir uns bewusst gegönnt hatten. So konnten wir schneller Strecke machen und mussten die langen Passstrassen nicht komplett selbst bewältigen.

Doch im Wallis zeigte die Reise sofort ihr anderes Gesicht.

Noch waren wir nicht weit gefahren, da hatte ich bereits einen Platten am Hinterrad. Mit der Luftpumpe war schnell klar: Da ging keine Luft mehr hinein. Das Ventil war abgerissen.

Noch blieb ich ruhig.

Wir hatten zwei Ersatzschläuche dabei.

Also wechselten wir den Schlauch und fuhren weiter.

Nach dem zweiten Autoverlad standen wir plötzlich schon in Iselle.

Italien.

Und genau hier wurde die Strasse zu unserem grössten Gegner.

Die Schlaglöcher, Unebenheiten und Erschütterungen waren viel heftiger, als wir erwartet hatten. Unsere Mofas wurden auf eine Belastungsprobe gestellt, auf die uns niemand vorbereiten konnte.

In Villadossola passierte es erneut. Durch die ständigen Vibrationen hatten sich die Kettenspanner gelöst. Das Hinterrad wurde von der Kette schräg in den Rahmen gezogen.

Kette raus.

Alles lösen.

Neue Muttern montieren.

Kette wieder einsetzen.

Eigentlich kein grosses Problem.

Doch weil die Kette abgesprungen war, hatte sich vorne am Antriebsritzel auch der Sicherungsring verabschiedet.

Das wussten wir zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht.

Erst einige Kilometer später, in Premosello-Chiovenda, machte sich das fehlende Teil bemerkbar.

Plötzlich flog das Ritzel mitsamt der Kette davon.

In diesem Moment war mir ehrlich gesagt fast alles zu viel.

Schon wieder mein Mofa.

Schon wieder eine Panne.

Ich hatte beide Mofas selbst aufgebaut und trotzdem war es immer meine Maschine, die stehen blieb.

Ich suchte verzweifelt nach dem Ritzel.

Ohne Erfolg.

Wir hatten zwar noch ein kleineres Ersatzritzel dabei, aber keinen Sicherungsring mehr.

Genau in diesem Moment zeigte Simon einmal mehr, was auf dieser Reise mindestens genauso wichtig war wie jedes Werkzeug.

Seine Ruhe.

Er schaute mich an und sagte nur:

«Nimm das Ersatzritzel. Überleg dir eine Lösung. Ich suche das andere.»

Plötzlich wusste ich:

Egal, was passiert — ich bin nicht allein.

Ich montierte das Ersatzritzel und sicherte es provisorisch mit Schweissdraht. Als Simon zurückkam und meine Konstruktion sah, blickte er sie zwar etwas skeptisch an, vertraute ihr aber trotzdem.

Gemeinsam suchten wir weiter.

Und tatsächlich fanden wir das verlorene Ritzel am Strassenrand wieder.

Wir konnten weiterfahren.

Doch lange hielt die Erleichterung nicht.

Schon kurze Zeit später hatte ich wieder einen Platten.

Langsam verlor ich das Vertrauen.

Trinken über einen Schlauch während der Fahrt
Lifehack: trinken ohne anzuhalten

Nicht nur in mein Mofa.

Auch in mich selbst.

Ich hatte Angst, derjenige zu sein, der unsere Reise scheitern lassen würde.

Zum Glück blieb Simon ruhig.

«Wir haben Zeit. Wir zerlegen alles sauber und kontrollieren alles.»

Also nahmen wir uns jede Kleinigkeit vor.

Ab diesem Moment änderte sich etwas.

Von nun an wurde jedes Geräusch verdächtig.

Jedes Rasseln.

Jedes Klappern.

Jedes kleine Ruckeln.

In meinem Kopf war jedes davon bereits der nächste Defekt.

Alle zehn Minuten kontrollierte ich während der Fahrt, ob noch alle Schrauben da waren und ob der Draht am Ritzel noch hielt. Simon fuhr immer wieder an mir vorbei und warf einen kurzen Blick auf meinen Hinterreifen.

Von da an überliessen wir nichts mehr dem Zufall.

Mit einiger Verspätung erreichten wir schliesslich unseren Campingplatz in Arona.

Dort erwartete uns gleich die nächste Überraschung.

Der Platz lag direkt neben der Animation.

Gratis Unterhaltung bis spät in die Nacht.

Eigentlich.

Denn wir waren so müde, dass uns das völlig egal war.

Nach der Dusche fühlten wir uns endlich wieder etwas wie Menschen.

Jetzt fehlte nur noch eines.

Essen.

Doch ausgerechnet auf einem italienischen Campingplatz gab es keine Pizza mehr.

Bis heute fragen wir uns, wie ein Italiener so etwas schaffen kann.

Also gingen wir kurzerhand zu Burger King.

Unser erster Abend in Italien.

Und wir assen Burger.

Irgendwie war das schon fast wieder lustig.

Als wir später in unseren Zelten lagen, wurde mir langsam bewusst, was wir an diesem ersten Tag bereits alles erlebt hatten.

Wir hatten geflucht, geschraubt, improvisiert und gezweifelt.

Trotzdem waren wir noch unterwegs.

Monaco war noch unendlich weit entfernt. Hinter uns lag erst ein einziger Tag, und trotzdem fühlte es sich an, als hätten wir bereits eine kleine Reise hinter uns.

Zum ersten Mal glaubte ich, dass all die Vorbereitungen vielleicht doch gereicht hatten.

Nicht, weil nichts schiefgegangen war.

Sondern weil wir jedes Problem gemeinsam gelöst hatten.

Mit diesem Gedanken schloss ich die Augen.

Tag 2

Unterwegs angekommen

19. Juli 2026
Arona → Bellinzago Novarese → Stroppiana → Cortiglione → Acqui Terme → Camping in den Hügeln Liguriens

Trotz der lauten Animation neben unseren Zelten und der Hitze in der Nacht hatten wir erstaunlich gut geschlafen.

Als wir am Morgen aus den Zelten krochen, mussten wir beide über uns selbst lachen. Wir sahen aus, als kämen wir gerade von einem Festival. Etwas müde. Etwas zerzaust. Aber glücklich.

Beim Zusammenpacken fiel mir plötzlich ein, dass ich am Vorabend die Duschkarte verloren hatte. Mir war das ehrlich gesagt ziemlich egal. Ich hatte weiss Gott andere Sorgen. Die Dame an der Rezeption konnte allerdings überhaupt nicht verstehen, wie man so etwas verlieren konnte. Wir mussten beide schmunzeln.

Kurz darauf sassen wir wieder auf unseren Mofas.

Der zweite Tag konnte beginnen.

Nach einer guten halben Stunde machten wir die erste Pause. Gerade einmal vierzehn Kilometer standen auf dem Tageszähler.

Ich war erstaunt.

So lange unterwegs und trotzdem so wenig Strecke gemacht.

In diesem Moment wurde mir bewusst, wie langsam wir tatsächlich vorankamen. Vor uns lag nochmals ein langer Tag.

Schaffen wir das wirklich?

Diese Gedanken gingen allerdings nur mir durch den Kopf. Wenn ich zu Simon hinüberschaute, sah ich jemanden, der sich über jeden einzelnen Kilometer freute. Seine gute Laune war ansteckend und half auch mir, wieder nach vorne zu schauen.

Noch etwas hatte sich ganz von selbst ergeben.

Simon war unser Navigator.

Das hatten wir nie abgesprochen.

Es war einfach so.

Über die Gegensprechanlage hörte ich ständig seine Stimme.

«Nächste Ausfahrt rechts.»

«Jetzt links.»

«Geradeaus.»

Irgendwann wurden aus den Richtungsangaben ganz normale Gespräche. Wir redeten über vergangene Erlebnisse, über die Reise und über das, was uns noch erwarten könnte. Manchmal wurde gelacht.

Aber niemals war es still.

Und genau diese Gespräche liessen die Kilometer viel schneller vergehen, als es der Tacho vermuten liess.

Die Strassen wurden immer gerader. Wir fuhren im Stehen, schräg auf dem Sattel oder mit den Füssen auf dem Rahmen. Langsam entwickelte sich eine richtige Routine.

Alle paar Kilometer wanderte mein Blick automatisch nach vorne.

Hält der Draht am Ritzel noch?

Dann der Blick nach hinten.

Sind noch alle Schrauben da?

Simon fuhr kurz an mir vorbei.

Ein schneller Blick auf meinen Hinterreifen.

Alles gut.

Weiter.

Gegen 18 Uhr erreichten wir Acqui Terme. Eigentlich sollte dort unser Tagesziel sein. Doch wir fanden nur einen Stellplatz für Wohnmobile. Keinen Campingplatz.

Also suchten wir weiter.

Der nächste lag noch einmal fast eine Stunde entfernt.

Mitten im Nirgendwo.

Eigentlich völlig verrückt.

Aber genau darauf hatten wir Lust.

Die Landschaft wurde immer schöner. Unsere Mofas liefen hervorragend.

Und dann kamen die ersten langen Steigungen.

Mofa mit Anhänger auf einem Dorfplatz im Schatten
Schatten suchen — bei der Hitze überlebenswichtig

Abseits der grossen Strassen.

Es machte unheimlich Spass.

Wir überholten uns gegenseitig.

Jubelten.

Lachten.

Zum ersten Mal seit den vielen Pannen vom Vortag dachte ich nicht mehr ständig darüber nach, ob mein Mofa gleich wieder Probleme machen würde. Das Vertrauen war inzwischen so weit zurückgekehrt, dass ich den Anhänger wieder an meine Maxi hängte und einfach losfuhr.

Die letzten Kilometer führten über eine Schotterstrasse. Wir konnten kaum glauben, dass hier irgendwo noch ein Campingplatz kommen sollte.

Doch plötzlich tauchten zwischen den Bäumen kleine Lichter auf.

Ganz hinten fanden wir die Rezeption.

Ein grosser Niederländer schaute uns zuerst etwas mürrisch an, sagte dann aber freundlich:

«Sucht euch einfach unten einen Platz aus.»

Unsere nächste Frage war natürlich:

«Können wir heute Abend noch etwas essen?»

«Aber sicher.»

Mehr wollten wir gar nicht hören.

Nach der Dusche fühlte sich die kühle Abendluft wie ein kleines Geschenk an.

Jetzt fehlte nur noch das Abendessen.

Für uns war bereits ein Tisch reserviert, doch wir waren etwas zu früh. Die Bedienung lächelte, zeigte auf einen grossen Baum und sagte nur:

«Onder de boom.»

Also setzten wir uns unter den Baum an unseren Tisch und assen endlich unsere erste richtige Pizza in Italien.

Sie schmeckte wahrscheinlich auch deshalb so gut, weil wir sie uns nach zwei Tagen endlich verdient hatten.

Die Sonne war längst untergegangen. Zwischen den Bäumen leuchteten überall kleine Lichter. Ein leichter Wind rauschte durch die Äste.

Nach den Strapazen der ersten beiden Tage tat genau dieser Moment unglaublich gut.

Zurück bei den Zelten liessen wir das Aussenzelt offen. Über uns funkelten die Sterne.

Wir redeten noch lange.

Lachten.

Und genossen einfach die Ruhe.

Von diesem Abend an hatte ein Ausdruck für uns eine ganz besondere Bedeutung.

«Onder de boom.»

Manchmal braucht es gar keine grossen Erlebnisse.

Manchmal reicht ein einfacher Satz, damit man sich noch Jahre später sofort an einen ganz bestimmten Moment erinnert.

Und genau deshalb ist uns dieser Abend bis heute geblieben.

Tag 3

Das Meer kommt näher

20. Juli 2026
Camping in den Hügeln Liguriens → Passo del Melogno → erster Blick aufs Meer

Wir starteten voller Vorfreude in den dritten Tag.

Die Nacht in den ligurischen Hügeln hatte uns richtig gutgetan. Zum ersten Mal fühlte sich die Reise nicht mehr wie ein grosses Abenteuer an, sondern langsam wie unser neuer Alltag.

Wir waren früh wach und hatten geschlafen wie auf Wolken.

Als Erstes gingen wir nach vorne und suchten etwas zum Frühstück. Leider bot der Campingplatz keines an. Das war zwar etwas schade, für uns aber kein grosses Problem.

Der Besitzer war unglaublich herzlich. Obwohl es eigentlich nichts gab, wollte er uns trotzdem nicht mit leerem Magen losziehen lassen. Er verschwand kurz und kam mit ein paar Nutella-Stangen zurück.

Klingt irgendwie komisch.

Aber in diesem Moment waren sie absolute Weltklasse.

Wir bedankten uns, packten unsere Sachen zusammen und starteten die Motoren.

Unsere Nachbarn schauten uns staunend an, als wir losfuhren. Man merkte ihnen an, dass sie kaum glauben konnten, was wir vorhatten. Mittlerweile gehörten solche Begegnungen fast schon zum Alltag.

Egal, wo wir hinkamen — die Reaktionen waren immer dieselben.

Vorbeifahrende Autos hupten.

Menschen winkten uns zu.

Daumen streckten sich aus den Fenstern.

Überall sahen wir lachende Gesichter.

Motorradfahrer nahmen das Gas weg, fuhren neben uns her und musterten uns grinsend. Manche schüttelten sogar leicht den Kopf, weil das Ganze einfach so absurd war.

Genau diese Begegnungen machten unsere Reise noch schöner.

Die Bergstrasse führte uns weiter Richtung Passo del Melogno.

Für uns war das unsere ganz persönliche Rallye.

Was für ein Erlebnis.

Die Mofas krallten sich regelrecht in den Asphalt. Die Motoren liefen auf Hochtouren und jede Kurve machte noch mehr Spass als die vorherige.

Es war nicht mehr das endlose Geradeausfahren vom Vortag.

Die Strasse schlängelte sich in engen Kurven den Berg hinauf und trieb uns immer höher.

Oben angekommen hielten wir kurz an.

Was für eine Aussicht.

Die Mofas an einer Kurve am Passo del Melogno
Oben angekommen — Pause am Pass

Doch auf jedes Hoch folgt auch wieder ein Runter.

Wir stellten beide Motoren ab. Schliesslich waren wir schlaue Füchse. Ein Motor, der nicht läuft, wird nicht warm und braucht auch kein Benzin.

Also rollten wir fast lautlos den Berg wieder hinunter.

Am Anfang versperrten uns noch Bäume und Sträucher die Sicht. Doch mit jeder Kurve wurden die Lücken grösser.

Irgendetwas wartete dort unten.

Und plötzlich war es da.

Das Meer.

Wir waren zwar noch nicht angekommen.

Aber wir konnten es zum ersten Mal sehen.

In diesem Moment spielte alles andere keine Rolle mehr.

Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, dass Monaco tatsächlich erreichbar war.

Rast bei einer Kapelle
Kurze Rast, kurz bevor das Meer kam

Wir sahen uns kurz an und mussten einfach grinsen.

Mit zwei Puch Maxi.

Mit zwei kleinen Motoren, die in Italien liebevoll «Piccolo Motore» genannt wurden.

Wir waren mit so wenig schon so weit gekommen.

Das fühlte sich wie ein kleiner Triumph an.

Joel und Simon am Meer
Endlich am Meer

Von Kurve zu Kurve wurde das Meer grösser. Der Berg wurde flacher. Nach und nach verschwanden die Aussichtspunkte wieder hinter Häusern und Bäumen.

Doch das spielte keine Rolle mehr.

Wir wussten jetzt, wo das Meer war.

Und wir wussten, dass wir ihm mit jedem Kilometer näher kamen.

Als wir schliesslich die erste Strandpromenade erreichten, war endgültig klar:

Wir waren am Meer.

Direkt davor.

Von jetzt an ging es auf direktem Kurs Richtung Alassio, unserem eigentlichen Tagesziel.

Doch schon bald merkten wir, dass etwas nicht stimmte.

Nicht mit den Mofas.

Mit unserem Zeitplan.

Es war erst kurz nach Mittag.

Und trotzdem hatten uns unsere kleinen Maxis bereits fast ans Tagesziel gebracht.

Also beschlossen wir, in Ceriale eine längere Pause einzulegen. Wir assen etwas, machten die ersten richtigen Fotos am Meer und überlegten uns, wie wir den restlichen Tag gestalten wollten.

Dabei fiel uns schon beim Hinsetzen etwas auf.

Es war warm.

Nein.

Es war heiss.

Kaum stiegen wir von den Mofas ab und der Fahrtwind fiel weg, lief uns der Schweiss nur so herunter. Es war kaum auszuhalten.

Überall lagen Menschen mit Badehosen am Strand. Sie entspannten auf grossen Badetüchern im Schatten.

Und wir?

Wir sassen dort in kurzen Hosen und Tanktops beziehungsweise T-Shirts. Die Helme lagen neben uns, die Rucksäcke standen zu unseren Füssen, und trotzdem lief uns der Schweiss in Strömen herunter.

Zwischen all den Badegästen fühlten wir uns irgendwie fehl am Platz.

Während wir assen, suchten wir einen Campingplatz. Wenn möglich bereits etwas näher an Monaco.

Schliesslich entschieden wir uns für einen Platz in Laigueglia.

Er lag zwar etwas weiter als ursprünglich geplant, aber genau das war unser Vorteil.

Jeder Kilometer, den wir heute zusätzlich schafften, würde uns morgen näher an Monaco bringen.

Die Zufahrtsstrasse zum Campingplatz war schon etwas speziell.

Eng.

Steil.

Teilweise ziemlich unübersichtlich.

Mit dem Auto hätte ich dort nicht unbedingt fahren wollen.

Mit den Mofas war das zum Glück kein Problem.

An der Rezeption bekamen wir einen Platz zugeteilt.

Dann kam schon die erste Überraschung.

Unser Zeltplatz war nur über eine steile Treppe erreichbar. Das bedeutete, dass wir unsere Mofas unten stehen lassen mussten.

Zum ersten Mal seit Reisebeginn.

Das fühlte sich ehrlich gesagt komisch an.

Seit dem ersten Tag waren unsere beiden Maxis eigentlich nie weiter als ein paar Meter von uns entfernt gewesen.

Jetzt blieben sie einfach unten stehen.

Alleine.

Irgendwie tat das fast ein bisschen weh.

Oben angekommen zeigte uns der Campingplatzbesitzer unseren Platz.

Wir nickten beide.

Es war das einzige Mal auf der ganzen Reise, dass wir uns nicht ganz einig waren.

Oder besser gesagt:

Eigentlich waren wir uns völlig einig.

Nur gingen wir unterschiedlich damit um.

Innerlich dachten wir beide genau dasselbe.

Der Platz ist absoluter Mist.

Trotzdem begannen wir, unsere Zelte aufzubauen.

Simon akzeptierte die Situation sofort. Er wollte eigentlich nur noch duschen und den Tag hinter sich bringen.

Ich dagegen akzeptierte den Platz zwar auch, aber ich war einfach nur genervt.

Und das merkte man.

Jeder Handgriff wurde von einem Fluch begleitet.

«Boden scheisse.»

«Baum scheisse.»

«Grillen scheisse.»

«Dreck scheisse.»

Eigentlich war einfach alles scheisse.

Heute müssen wir beide darüber lachen.

Damals war mir überhaupt nicht zum Lachen.

Das Lustige daran war eigentlich, dass wir beide genau gleich dachten.

Nur gingen wir völlig unterschiedlich damit um.

Simon liess es einfach über sich ergehen.

Ich musste meinem Frust Luft machen.

Ändern konnten wir sowieso nichts. Wir hatten den Platz schliesslich beide angeschaut und gemeinsam entschieden.

Also ging Simon duschen.

Und ich fluchte noch ein bisschen weiter.

Sogar unter der Dusche.

Danach war es aber auch wieder gut.

Manchmal muss der Frust einfach raus.

Frisch geduscht zogen wir uns an und beschlossen, noch an den Strand zu gehen.

Und genau dort passierte etwas, womit wir überhaupt nicht gerechnet hatten.

Wir hatten Freizeit.

Zum ersten Mal hatten wir nichts zu tun.

Keine Panne.

Keinen Campingplatz mehr suchen.

Kein Tagesziel mehr erreichen.

Einfach Freizeit.

Eigentlich klingt das wunderbar.

Für uns war es das überhaupt nicht.

Wir merkten plötzlich, dass wir auf genau diesen Moment überhaupt nicht vorbereitet waren.

Wir hatten zwar Badehosen dabei.

Und auch ein kleines Handtuch.

Aber eben nur eines zum Duschen und Abtrocknen.

Nicht, um stundenlang am Strand zu liegen.

Frische Kleider hatten wir praktisch auch keine mehr.

Alles, was wir dabeihatten, war auf das Reisen ausgelegt.

Werkzeug.

Ersatzteile.

Schlafsäcke.

Ersatzbenzin.

Alles für unterwegs.

Aber nichts, um einfach einen gemütlichen Nachmittag am Meer zu verbringen.

Eigentlich waren wir schon fast am Ziel.

Zumindest fühlte es sich so an.

Wir gingen zwar ins Meer.

Was für viele der perfekte Urlaub gewesen wäre.

Für uns war es irgendwie nicht das Richtige.

Wir wollten keinen Badeurlaub.

Wir wollten fahren.

Wir wollten etwas erleben.

Je länger wir dort waren, desto schlechter wurde unsere Stimmung.

Das Ziel war plötzlich so nah, dass es fast seinen Zauber verlor.

Am Abend nahmen wir die Mofas nochmals und fuhren in die Stadt.

Und kaum sassen wir wieder auf den Maschinen, war alles anders.

Der Fahrtwind kühlte uns.

Der Motor lief.

Wir waren wieder unterwegs.

Sofort war die gute Laune zurück.

Plötzlich riefen uns Leute vom Strassenrand etwas zu.

Wir drehten uns um.

Eine Gruppe lachte uns an.

Es waren Solothurner.

Sie konnten kaum glauben, dass wir mit zwei Puch Maxi bis hierher gefahren waren.

«Mit dem Auto ist das schon mühsam. Wie kommt man auf so eine Idee?»

Wir lachten.

Für uns war die Antwort längst klar.

«Es ist der Weg, der das Ganze ausmacht.»

Ich glaube, unsere Gesichter sagten in diesem Moment mehr als tausend Worte.

Doch kaum stiegen wir wieder von den Mofas ab, merkte ich sofort, dass mit Simon etwas nicht stimmte.

Er sah nicht gut aus.

Er sprach weniger.

Und man merkte ihm an, dass es ihm überhaupt nicht wohl war.

Er meinte, es sei wohl die Hitze und die viele Sonne.

Im Nachhinein würde ich behaupten, dass Simon ohne Mofa einfach nicht richtig in seinem Element war. Kaum sassen wir wieder auf unseren Maxis, war er wieder der Alte.

In diesem Moment machte ich mir allerdings wirklich Sorgen.

Wir fuhren zurück zum Campingplatz.

Simon legte sich sofort hin.

Ich fragte noch einmal nach, ob alles in Ordnung sei.

Er meinte nur, er wolle einfach liegen.

Also liess ich ihn in Ruhe.

Ich setzte mich noch etwas nach draussen.

Der Schweiss lief mir immer noch den Rücken hinunter.

Ich schaute auf den Boden.

Genau auf den Boden, über den ich mich Stunden zuvor schon aufgeregt hatte.

Als ich später selbst ins Zelt kroch, wusste ich endlich, wie sich eine Heissluftfritteuse fühlen musste.

Es war unerträglich.

Die Luft stand.

Kein Wind.

Keine Abkühlung.

Nur Hitze.

Wir liessen sogar das Aussenzelt offen, in der Hoffnung, dass etwas Luft durchziehen würde.

Gebracht hatte es praktisch nichts.

Dann fiel uns noch etwas auf.

Direkt über unseren Zelten hing eine Lampe.

Ich sagte noch voller Hoffnung:

«Die geht heute Abend bestimmt noch aus.»

Simon antwortete nur:

«Nein ... die bleibt sicher die ganze Nacht an.»

Und natürlich hatte er recht.

Die Lampe ging nie aus.

Irgendwann muss ich trotzdem eingeschlafen sein.

Mitten in der Nacht öffnete ich die Augen.

Am Himmel sah ich Wetterleuchten.

Die zwei Mofas mit Anhänger und Schweizer Fahne am Meer
Unser Gespann am Mittelmeer

Ich schaute auf das Regenradar.

Zwanzig Prozent Regenwahrscheinlichkeit.

«Das zieht schon vorbei», dachte ich mir.

Also schloss ich die Augen wieder.

Kurz darauf hörte ich den ersten Donner.

Noch immer blieb ich liegen.

«Das geht vorbei.»

Doch dann hörte ich, wie die ersten schweren Regentropfen auf das Zelt fielen.

Erst vereinzelt.

Dann immer häufiger.

Jetzt war klar:

Der Regen war da.

Ich sprang aus dem Schlafsack und wollte das Aussenzelt wieder schliessen.

Dabei schaute ich zu Simon.

Er schlief.

Tief und fest.

Ich konnte es kaum glauben.

«Simon ...»

Keine Reaktion.

«Simon!»

Nichts.

Dann lauter:

«SIMOOOOON!»

Immer noch nichts.

Er hatte seine Kopfhörer drin.

Also blieb mir nichts anderes übrig.

Ich trat gegen sein Zelt.

Was dann passierte, werde ich nie vergessen.

Simon schreckte hoch und schaute völlig orientierungslos um sich.

Er wusste überhaupt nicht mehr, wo er war oder was gerade passierte.

Eigentlich stand er schon fast, ohne überhaupt aus dem Zelt ausgestiegen zu sein.

Während ich mein Zelt wetterfest machte, schaute ich immer wieder zu ihm hinüber.

Und jedes Mal musste ich mir das Lachen verkneifen.

Da stand ein völlig verwirrter Mensch, der plötzlich nicht einmal mehr wusste, wie man eine einfache Zeltplane befestigt.

Irgendwann waren die Zelte wieder dicht.

Wir legten uns zurück in unsere Schlafsäcke.

Der Regen hatte sich inzwischen wieder verzogen, doch jetzt waren die Zelte wieder komplett geschlossen.

Die feuchte Luft stand im Inneren. Es war noch stickiger als zuvor. Ich musste meine Atmung bewusst ruhig halten, weil ich kurz das Gefühl hatte, kaum noch genügend Luft zu bekommen.

Wirklich viel geschlafen haben wir danach nicht mehr.

Tag 4

Angekommen

21. Juli 2026
Laigueglia → Imperia → Ventimiglia → Menton

Eigentlich hätten wir einfach aufstehen, zusammenpacken und losfahren sollen.

Genau das war nämlich das Schönste.

Früh am Morgen.

Noch kühl.

Noch wenig Verkehr.

Einfach wir und die Strasse.

Doch wir blieben noch eine Weile liegen.

Als wir schliesslich aufstanden, waren wir beide ziemlich durchzogen von der feuchten Nacht. Die Hitze vom Vorabend war verschwunden, dafür hatte sich die Feuchtigkeit überall festgesetzt. Trotzdem machte uns das nichts aus.

Heute war der Tag.

Heute würden wir Monaco erreichen.

Wir machten uns bereit für unsere letzte Etappe.

Nur noch ein Katzensprung lag vor uns.

Wir schauten uns an und sagten fast gleichzeitig:

«Das schaffen wir locker noch vor dem Mittag.»

Also starteten wir die Motoren und fuhren los.

Die wunderschöne Küste begleitete uns Kilometer für Kilometer. Die Sonne stand noch tief, der Verkehr hielt sich in Grenzen und unsere Mofas liefen sauber. Nach den Strapazen der vergangenen Tage fühlte sich dieser Morgen beinahe leicht an.

Schon bald machten wir in Imperia eine Pause.

Endlich konnte ich meinen ersten Cappuccino trinken.

Oder besser gesagt:

Meinen einzigen.

Vor der Reise hatte ich gross angekündigt, dass ich jeden Morgen einen Cappuccino trinken würde. Ich hatte sogar welche eingepackt.

Getrunken hatte ich während der ganzen Reise keinen einzigen.

Am Schluss nahm ich sie alle wieder mit nach Hause.

Ausgerechnet heute, fast am Ziel, bekam ich dann doch noch meinen Cappuccino.

Ein unglaublich freundlicher Mann bediente uns.

Dazu gab es Orangensaft und Toast.

Es tat so gut, dass wir uns gleich noch eine zweite Runde gönnten.

Eine eiskalte Cola Zero.

Und ein wunderbar cremiges, ofenfrisches Croissant.

Dieser Morgen fühlte sich plötzlich fast wie Ferien an.

Die schreckliche Nacht war mit jedem Schluck und jedem Bissen ein Stück weiter weg.

Wir bezahlten, bedankten uns und fuhren weiter.

Unsere Motoren liefen sauber.

Die Kilometer vergingen schnell.

Langsam verschwand die Küstenstrasse und machte Platz für grössere Strassen und längere Tunnel.

Mehrmals fragte ich mich, ob wir hier überhaupt fahren durften.

Doch Simon, mein Navigator und Freund, blieb völlig entspannt.

«Hier sind blaue Tafeln. Hier dürfen wir fahren.»

Jedes Mal musste ich lachen, wenn er das sagte.

Und jedes Mal hatte er recht.

So kamen wir erstaunlich schnell voran.

Je näher wir der französischen Grenze kamen, desto dichter wurde der Verkehr.

Vor Ventimiglia machten wir noch einmal eine kurze Pause.

Rucksack ab.

Etwas trinken.

Kurz durchatmen.

Mehr nicht.

Wir wollten nur noch nach Monaco.

Kurz darauf erreichten wir die französische Grenze.

In Menton machten wir noch einmal Halt.

Wieder nur ganz kurz.

Rucksack ab.

Etwas trinken.

Kurz durchatmen.

Mehr nicht.

Wir waren so nah am Ziel wie noch nie.

Nur noch wenige Kilometer trennten uns von Monaco.

Wir wussten es zwar noch nicht.

Doch genau jetzt begann der schwierigste Abschnitt unserer ganzen Reise.

Doch jetzt begann das eigentliche Problem.

Die Strasse wurde steiler.

Der Verkehr allerdings nicht schneller.

Für unsere kleinen Motoren war genau das die schlimmste Kombination überhaupt.

Ein Puch-Maxi-Motor wird durch den Fahrtwind gekühlt. Solange man fährt, strömt ständig frische Luft über Zylinder und Motorgehäuse.

Doch genau dieser Fahrtwind fehlte jetzt.

Der Verkehr rollte nur noch wenige Meter vorwärts.

Dann blieb wieder alles stehen.

Ein Zweitaktmotor dreht mehrere tausend Umdrehungen pro Minute.

Mehrere tausend kleine Explosionen.

Jede einzelne davon erzeugt Wärme.

Beim Anfahren braucht es besonders viel Leistung.

Jedes Mal, wenn sich der Verkehr wieder ein paar Meter bewegte, drehten wir am Gasgriff.

Der Vergaser sog nur noch heisse Luft an und schickte sie in einen Motor, der ohnehin schon viel zu heiss war.

Mit der Steigung wurde alles noch schlimmer.

Jetzt musste auch die Fliehkraftkupplung deutlich länger schleifen.

Noch mehr Reibung.

Noch mehr Hitze.

Noch mehr Belastung.

Uns tat das Herz weh.

Wir hörten, wie sich unsere Motoren langsam veränderten.

Sie liefen nicht mehr so frei wie noch am Morgen.

Eigentlich hätten sie jetzt eine längere Pause gebraucht.

Eine richtige Abkühlung.

Doch wir machten immer nur kurze Stopps.

Viel zu kurz.

Der Zylinder.

Das Motorgehäuse.

Eigentlich das ganze Mofa.

Nichts davon konnte in dieser Zeit wirklich auskühlen.

Dann kam ein Abschnitt, an dem wir die Mofas sogar ein Stück schieben mussten.

Mit Anhänger.

Zum ersten Mal merkte ich dabei, dass meine Kupplung nicht mehr richtig trennte.

Sie war einfach zu heiss geworden.

Während wir schoben, beruhigte sich die Situation wieder etwas.

Erschöpfte Pause an einer Mauer
Am Ende der Kräfte — Richtung Monaco

Gleichzeitig wussten wir plötzlich nicht mehr genau, welchen Weg wir nehmen mussten.

Genau in diesem Moment kam Giuseppe.

Ein unglaublich freundlicher Franzose, der uns unbedingt helfen wollte.

Er bedeutete uns, ihm zu folgen.

Also fuhren wir hinter ihm her.

Das Problem war nur, dass wir seine Geschwindigkeit mithalten mussten.

Und genau das machte es für unsere Motoren überhaupt nicht besser.

Simon wusste eigentlich schon längst wieder, wo wir durchmussten.

Trotzdem wollte Giuseppe uns unbedingt bis ans Ziel lotsen.

Irgendwann schauten wir uns nur noch an und fragten uns, ob wir am Ende überhaupt dort herauskommen würden, wo wir eigentlich hinwollten.

Zum Glück nahm uns ein Stau diese Entscheidung ab.

Giuseppe verabschiedete sich freundlich und fuhr weiter.

Wir waren wieder auf uns allein gestellt.

Nur noch wenige Kilometer.

Nur noch ein paar Anstiege.

Nur noch ein paar Autos, die uns immer wieder ausbremsten.

Immer wieder anhalten.

Immer wieder anfahren.

Dann hörte ich Simon plötzlich über das Headset sagen:

«Irgendetwas stimmt nicht.»

«Ich habe keine Leistung mehr.»

Ich hörte sofort, dass es ernst war.

Wir hielten an.

Mein erster Gedanke war, das Gemisch etwas fetter zu stellen, damit der Motor mehr Benzin und Öl bekam und dadurch etwas kühler lief.

Also schraubte ich den Vergaser auf.

Schon in diesem Moment merkte ich, wie extrem heiss alles geworden war.

So einen heissen Vergaser hatte ich noch nie in den Händen gehalten.

Ich fragte mich wirklich, wie das Benzin in der Schwimmerkammer überhaupt noch flüssig bleiben konnte.

Wir stellten das Gemisch etwas fetter ein, schraubten den Vergaser wieder zusammen und fuhren weiter.

Doch lange dauerte es nicht.

Immer wieder hörte ich Simon über das Headset.

«Irgendetwas stimmt nicht.»

«Der läuft komisch.»

Dann kam der Satz, den ich eigentlich nie hören wollte.

«Jetzt ist fertig.»

«Er läuft nicht mehr.»

Ich fragte sofort nach.

«Kein Benzin mehr?»

Ich wollte es einfach nicht wahrhaben.

Doch Simon wusste bereits, was passiert war.

Etwa drei oder vier Kilometer vor unserem Ziel hatten wir einfach zu viel von unserem kleinen Motor verlangt.

Er hatte bis zum Schluss gekämpft.

Doch irgendwann wurde der Kolben so heiss, dass er sich immer weiter ausdehnte.

Bis kein Platz mehr da war.

Dann machte es nur noch einen kurzen Ruck.

Kolbenklemmer.

Ich hielt ebenfalls an und ging zu Simon.

Gemeinsam rollten wir die Mofas die letzten Meter bis zu einer Tankstelle.

Reparatur des Motors am Strassenrand
Kolbenklemmer — schrauben am Strassenrand

Dort konnten wir wenigstens in Ruhe nachsehen, was genau passiert war.

Gemeinsam rollten wir die Mofas ein paar Meter bis zu einer Tankstelle.

Dort kam sofort ein älterer Herr auf uns zu und fragte freundlich, was passiert sei.

Mit Händen, Füssen und ein paar englischen Wörtern versuchten wir ihm zu erklären, dass Simons Motor kaputt war.

Ob wir dieselbe Sprache gesprochen haben?

Wahrscheinlich nicht.

Aber irgendwie verstanden wir uns trotzdem.

Frust oder Enttäuschung über unsere Mofas verspürten wir in diesem Moment überhaupt nicht.

Im Gegenteil.

Sie hatten Unglaubliches geleistet.

Wenn überhaupt, waren wir auf uns selbst enttäuscht.

Wir hätten genügend Zeit gehabt, den Motoren längere Pausen zu gönnen.

Genau die Pausen, die sie gebraucht hätten.

Doch wir wollten nur noch nach Monaco.

Im Nachhinein war genau das unser Fehler.

Zum Glück waren wir auf genau so einen Moment vorbereitet.

Deshalb hatten wir Ersatzteile dabei.

Deshalb hatten wir Werkzeug dabei.

Und genau deshalb hatten wir in den Wochen vor der Reise unzählige Stunden in die Vorbereitung investiert.

Also holten wir den Anhänger hervor.

Kauften im Tankstellenshop noch etwas zu trinken.

Und dann ging die Arbeit los.

Zylinder runter.

Kolben wechseln.

Neuer Zylinder drauf.

Mitten auf einer Tankstelle.

Motorschaden an der Puch Maxi
Der Schaden aus der Nähe

Nur wenige Kilometer vor Monaco.

Der ältere Tankwart blieb die ganze Zeit bei uns.

Immer wieder schaute er interessiert zu.

Immer wieder sprach er mit uns.

Und wir mit ihm.

Verstanden wir jedes Wort?

Ganz bestimmt nicht.

Aber irgendwie brauchte es das auch gar nicht.

Schrauben verbindet.

Nach einer Weile war alles wieder zusammengebaut.

Wir kontrollierten noch einmal jede Schraube.

Einen kurzen Blick.

Ein tiefes Durchatmen.

Dann starteten wir den Motor.

Er sprang an.

Was für eine Erleichterung.

Der Tankwart lächelte zufrieden.

Er schaute uns an und sagte ganz ruhig:

«Piano, piano.»

Fahrt langsam.

Gebt dem neuen Zylinder Zeit.

Wir nickten.

Genau das hatten wir sowieso vor.

Die letzten Kilometer fuhren wir vorsichtig.

Fast schon ehrfürchtig.

Jeder von uns hörte auf jedes einzelne Geräusch seines Motors.

Dann war es endlich so weit.

Wir erreichten unser Hotel.

Vor dem Eingang stellten wir die Mofas ab.

Erst in diesem Moment wurde uns bewusst, wie wir eigentlich aussehen mussten.

Wir hatten nur zwei Garnituren Kleider dabei.

Ich hatte vor der Reise sogar die glorreiche Idee, möglichst helle Kleider mitzunehmen. Ich war überzeugt gewesen, dass mir darin weniger heiss werden würde als in schwarzen.

Die Rechnung ging allerdings überhaupt nicht auf.

Helle Kleider und Schmutz vertragen sich nur schlecht.

Die Träger meines Tanktops waren vom Schweiss komplett verfärbt.

Überall auf dem Stoff sah man Spuren meiner öligen und schmutzigen Hände. Immer wieder hatte ich mich unterwegs kurz abgestützt oder mir nach einer Reparatur unbewusst die Hände an den Kleidern abgewischt.

Eigentlich war alles an mir dreckig.

Ich glaube sogar, irgendwo hatte ich noch eine Spur Schmierfett im Gesicht.

Im Nachhinein wundert es mich überhaupt nicht mehr, warum uns die Leute etwas schockiert anschauten.

Ich glaube, ich hatte mehr Ersatz-Zündkerzen dabei als frische Kleider.

Einer der Hotelgäste musste sogar leicht lachen.

Wir gingen zur Rezeption.

Der Mitarbeiter hinter dem Empfang schenkte uns zunächst kaum Beachtung.

Irgendwann machte Simon auf uns aufmerksam und sagte, dass wir einchecken möchten.

Etwas überrascht begann er mit der Anmeldung.

Dann fragte er:

«Habt ihr Fahrzeuge dabei?»

«Ja.»

Doch wie sollten wir ihm erklären, womit wir hier angekommen waren?

Also nahm Simon ihn einfach mit nach draussen.

Und ab diesem Moment änderte sich alles.

Der Mitarbeiter war völlig aus dem Häuschen.

Er konnte kaum glauben, dass wir mit diesen beiden kleinen Puch Maxi bis nach Monaco gefahren waren.

Er rief seine Arbeitskollegen.

Plötzlich standen mehrere Hotelangestellte draussen.

Alle wollten unsere Mofas sehen.

Vor wenigen Minuten hatten uns die Leute noch etwas schockiert angeschaut.

Jetzt waren sie begeistert.

Bei der Zimmerzuteilung erklärte er uns, welches Zimmer wir eigentlich gebucht hatten.

Wir hatten ganz bewusst das kleinste genommen.

Monaco war teuer.

Doch er schaute uns an, lächelte und meinte, das sei nichts für uns.

Ohne lange zu überlegen, gab er uns ein kostenloses Upgrade.

Und auch für unsere beiden Kämpfer fand er noch einen besonderen Platz.

Sie durften in der Tiefgarage stehen.

Zwischen Land Rover, Aston Martin und all den anderen Luxusautos.

Irgendwie passten unsere beiden kleinen Puch Maxi dort überhaupt nicht hin.

Und gleichzeitig passten sie genau dorthin.

Denn sie hatten sich diesen Platz genauso verdient wie wir.

Wir bezogen unser Zimmer.

Zum ersten Mal seit vier Tagen spürten wir wieder eine Klimaanlage.

Ein grosses Badezimmer.

Eine richtige Dusche.

Ein eigenes WC.

Mehrere Betten.

Es fühlte sich fast schon wie Luxus an.

Wir duschten, zogen die saubersten Kleider an, die wir noch dabeihatten, und liessen unsere Mofas unten in der Tiefgarage stehen.

Sie durften jetzt auch einmal ausruhen.

Wir machten noch einen kleinen Spaziergang Richtung Casino.

Unterwegs assen wir etwas und liefen danach langsam wieder zurück zum Hotel.

Jetzt, wo der ganze Druck langsam von uns abfiel, machten sich die letzten vier Tage plötzlich bemerkbar.

Ich sass auf dem Sofa.

Simon lag auf dem Bett.

Ich muss sogar kurz eingenickt sein.

Eigentlich waren wir beide gar nicht mehr besonders motiviert, nochmals loszugehen.

Wir waren ja in Monaco.

Unser Ziel war erreicht.

Doch dann erinnerten wir uns daran, weshalb wir überhaupt hierhergekommen waren.

Nicht nur wegen Monaco.

Sondern wegen der Formel-1-Strecke.

Der legendären Strecke von Monte Carlo.

Allein der Gedanke daran machte uns wieder hellwach.

Also rafften wir uns noch einmal auf.

Ich zog wieder meine ölverschmierten Kleider an und ging hinunter zu meiner Maxi.

Vorne hatte sich unterwegs das Schutzblech gelöst. Ausserdem hatte ich irgendwann den Bremsarm der Hinterradbremse verloren. Gerade mit Anhänger war das alles andere als ideal gewesen.

Das Schutzblech konnte ich zum Glück wieder befestigen.

Beim Bremsarm gab es allerdings nichts mehr zu retten.

Er war verschwunden.

Also musste ich mich damit abfinden, den Rest der Reise praktisch nur noch mit der Vorderradbremse zu fahren.

Erst danach holten wir unsere schönen Kleider hervor.

Sie waren die ganze Reise über sorgfältig im Anhänger verstaut gewesen.

Nur für diesen einen Moment.

Unterwegs durften sie nie getragen werden.

Nur hier.

Nur in Monaco.

Wir zogen uns um.

Gut gerochen haben die Kleider nach vier Tagen im Anhänger zwar nicht mehr.

Aber sie waren sauber.

Dann schoben wir unsere beiden Maxis aus der Tiefgarage.

Zum ersten Mal ohne Anhänger.

Zum ersten Mal ohne Rucksäcke.

Nur wir.

Und unsere beiden Puch Maxi.

Wir starteten die Motoren.

Und fuhren los.

Schon nach wenigen Metern merkten wir, dass wir viele Blicke auf uns zogen.

Nicht weil wir reich aussahen.

Und ganz bestimmt nicht, weil unsere Puch Maxi besonders teuer gewesen wären.

Sondern weil wir einfach glücklich waren.

Wir sassen mit einem riesigen Grinsen auf unseren Mofas.

Zwischen all den Ferraris, Lamborghinis und Porsches waren ausgerechnet unsere kleinen Maxis etwas Besonderes.

Die wenigsten wussten überhaupt, was das für Fahrzeuge waren.

Und noch viel weniger wussten, woher sie gekommen waren.

Für alle waren es einfach zwei kleine alte Mofas.

Für uns waren sie viel mehr als das.

Sie hatten uns über Hunderte von Kilometern getragen.

Über Pässe.

Durch Gewitter.

Vorbei am Meer.

Bis mitten ins Fürstentum Monaco.

Unsere Route kannten wir genau.

Unten am Hafen wartete der Moment, von dem wir monatelang gesprochen hatten.

Die Startlinie.

Genau dort, wo sonst die Formel-1-Autos in der Startaufstellung stehen.

Wo Legenden wie Ayrton Senna, Graham Hill, Michael Schumacher, Lewis Hamilton oder Max Verstappen ihre Rennen begonnen hatten.

Wir hielten mitten im Verkehr an.

Für einen kurzen Moment schien alles um uns herum stillzustehen.

Wir schauten uns an.

Dann zählten wir.

«Eis.»

«Zwöi.»

«Drü.»

Und los.

Wir fuhren an.

Die erste Steigung hinauf.

Durch die berühmten Kurven.

Jede einzelne kannten wir aus dem Fernsehen.

Jetzt fuhren wir selbst darüber.

Kurz darauf kam der Tunnel.

Der Tunnel.

Der Ort, an dem früher die V10-Motoren mit ihrem ohrenbetäubenden Klang durch Monaco schrien.

Wo der ganze Tunnel vibrierte.

Und jetzt kamen wir.

Nicht mit einem Formel-1-Auto.

Nicht mit einem V10.

Sondern mit zwei kleinen Zweitaktern.

Vollgas.

So viel unsere kleinen Motoren eben hergaben.

Und trotzdem machten sie einen Lärm, als wollten sie den grossen Motoren in nichts nachstehen.

Wir mussten beide einfach nur noch lachen.

Nach dem Tunnel ging es wieder hinunter Richtung Hafen.

Vorbei an den Curbs, die sonst darüber entscheiden, ob eine Runde perfekt war oder nicht.

Während der Fahrt liessen wir unsere Schuhe ganz leicht über die Curbs streifen.

Nicht, weil wir mussten.

Sondern weil wir diesen Moment bewusst spüren wollten.

Für uns fühlte sich dieser Asphalt fast wie heiliger Boden an.

Vorbei an den riesigen Yachten.

Yachten, die nicht nur tausendmal mehr kosteten als unsere Puch Maxi, sondern wahrscheinlich auch mehr Komfort hatten als alles, womit wir die letzten vier Tage unterwegs gewesen waren.

Aber das war uns völlig egal.

Am Hafen von Monaco
Angekommen — am Hafen von Monte Carlo

Egal, wie viel Geld die Menschen dort hatten.

Egal, wie gross ihre Yachten waren.

Egal, wie teuer ihre Autos waren.

Diesen Moment hatten nur wir.

Wir waren mit zwei kleinen Puch Maxi aus Wimmis bis hierher gefahren.

Aus eigener Kraft.

Mit Pannen.

Mit Schweiss.

Mit Flüchen.

Mit unzähligen Kilometern.

Mit noch mehr Lachen.

Und jetzt fuhren wir tatsächlich über die Formel-1-Strecke von Monaco.

Genau dafür waren wir losgefahren.

Genau davon hatten wir monatelang gesprochen.

Genau dafür hatten wir geschraubt, geplant und gezweifelt.

Und genau in diesem Moment wussten wir beide:

Wir haben es geschafft.

Doch wir wollten diesen Augenblick nicht einfach vorbeiziehen lassen.

Wir fuhren noch eine ganze Weile durch Monaco.

Immer wieder hielten wir an.

Mal für ein Foto.

Mal einfach, um den Moment auf uns wirken zu lassen.

Es entstanden Bilder, die es kein zweites Mal auf dieser Welt geben wird.

Zwei Puch Maxi auf der Formel-1-Strecke von Monaco.

Wer hätte das jemals gedacht?

Wir lächelten uns immer wieder an.

Ganz ohne viele Worte.

Denn manchmal gibt es Momente, die man nicht erklären muss.

Man muss sie einfach erleben.

Irgendwann fuhren wir zurück ins Hotel.

Erst dort wurde uns langsam bewusst, was wir eigentlich gerade erlebt hatten.

Wir setzten uns aufs Sofa und schauten die Fotos an.

Die Mofas in Monaco
Mitten in Monaco

Immer wieder mussten wir lachen.

Es war einfach zu viel.

Zu viele Eindrücke.

Zu viele Emotionen.

Alles ging uns noch einmal durch den Kopf.

Die letzten vier Tage.

Die Vorbereitungen.

Die Pannen.

Die Reparaturen.

Vor dem Casino in Monte Carlo
Vor dem Casino — zwischen Ferrari und Rolls-Royce

Die unzähligen Kilometer.

Und jetzt sassen wir tatsächlich in Monaco.

Danach riefen wir zuhause an.

«Wir haben es geschafft.»

Allein diesen Satz auszusprechen fühlte sich unglaublich an.

Die Menschen zu Hause hatten unsere Reise mitverfolgt, mitgefiebert und mit uns gehofft.

Jetzt konnten wir ihnen endlich sagen, dass wir wirklich angekommen waren.

Es war einer dieser Glücksmomente, die man nie mehr vergisst.

Langsam wurden wir ruhiger.

Die ganze Anspannung der vergangenen Tage fiel von uns ab.

Wir legten uns ins Bett.

Wie zwei Gewinner.

Mit zwei einzigartigen Puch Maxi.

Am nächsten Morgen wollten wir eigentlich wieder früh aufbrechen.

Zurück in die Schweiz.

Doch genau genommen war das nie der ursprüngliche Plan.

Eigentlich hätten wir uns in Monaco abholen lassen sollen.

Nach den ersten Tagen war allerdings klar geworden, dass das kaum noch Sinn ergab.

Wir waren viel schneller unterwegs gewesen, als wir selbst erwartet hatten.

Also fassten wir kurzerhand einen neuen Entschluss.

Wir fahren einfach wieder zurück.

Unser Fahrer sollte uns irgendwo entgegenkommen.

Je weiter wir an diesem Tag kommen würden, desto kürzer würde seine Strecke werden.

So konnten wir unser Abenteuer noch ein Stück verlängern.

Und ehrlich gesagt wollte von uns beiden noch niemand, dass diese Reise schon vorbei war.

Die Hinreise hatte uns gezeigt, dass man Pläne ändern darf.

Dass Abenteuer nicht immer nach Drehbuch verlaufen.

Und manchmal entstehen gerade dann die schönsten Geschichten.

Die Reise war also noch lange nicht zu Ende.

Ganz im Gegenteil.

Ein neues Abenteuer wartete bereits auf uns.

Tag 5

Der Weg nach Hause

22. Juli 2026
Monaco → Menton → Ventimiglia → Imperia

Wir standen bereits um halb sieben auf.

Am Vorabend hatten wir beschlossen, den Rückweg gleich selbst in Angriff zu nehmen. Unser Abholer würde uns irgendwo entgegenkommen. Je weiter wir an diesem Morgen fahren würden, desto kürzer würde seine Strecke werden — und desto schneller wären wir wieder zu Hause.

Der Morgen war unsere Zeit.

Die Luft war noch kühl.

Der Verkehr hielt sich in Grenzen.

Genau so mochten wir es.

Zum ersten Mal auf dieser Reise hatten wir dabei einen kleinen Luxus.

Wir mussten keine Zelte abbauen.

Keine Schlafsäcke verstauen.

Keine Campingausrüstung zusammenpacken.

Wir konnten einfach aufsteigen und losfahren.

Und dafür waren wir erstaunlich fit.

Nach all den Kilometern auf den schmalen Sätteln und mit den schweren Rucksäcken taten uns überraschend wenige Körperstellen weh.

Wir fuhren die Strecke vom Vortag einfach rückwärts.

Schon vorher war klar gewesen, wo wir unseren Benzinkanister füllen würden.

Natürlich bei dem Tankwart, der uns gestern beim Zylinderwechsel begleitet hatte.

Als wir auf die Tankstelle fuhren, stand er bereits draussen.

Sofort musste er lachen, als er uns wieder sah.

Diesmal schaute er uns nicht beim Schrauben zu.

Diesmal hatte er die Ehre, unseren Kanister mit fünf Litern Super zu füllen.

Mit einem grossen Lächeln.

Wir verabschiedeten uns.

Ein letztes «Grazie».

Ein letztes Winken.

Dann machten wir uns wieder auf den Weg.

Natürlich wussten wir genau, was jetzt kommen würde.

Die Hitze.

Die Städte.

Der stockende Verkehr.

Doch diesmal fiel uns etwas auf.

Überall fuhren Roller.

Sobald der Verkehr stillstand, schlängelten sie sich links oder — wenn sich die Gelegenheit bot — auch rechts an den Autos vorbei.

Am Anfang waren wir noch etwas unsicher.

Vor allem wegen unseres Anhängers.

Er war doch etwas breiter.

Mit der Zeit merkte ich aber etwas.

Wenn ich meine Knie leicht nach aussen nahm, hatte ich genau die Breite des Anhängers.

Passte ich durch, passte auch der Anhänger durch.

Also machten wir es wie die Italiener.

Wir nutzten jede Lücke.

Egal ob links oder rechts.

Plötzlich wurde aus dem stockenden Verkehr ein richtiges Spiel.

Wir versuchten, möglichst vorausschauend zu fahren, jede Lücke früh zu erkennen und so wenig wie möglich bremsen zu müssen.

Zum einen, weil ich am Vortag meine Hinterradbremse verloren hatte.

Zum anderen, weil Simon mit dem neuen Zylinder unterwegs war und ich zusätzlich den Anhänger zog.

Wir mussten mit Gefühl fahren.

Und genau das machten wir.

Wir wurden mit jeder Kreuzung sicherer.

Mit jeder Lücke mutiger.

Ohne es zu merken, hatten wir uns dem Rhythmus der italienischen Städte angepasst.

Die Rollerfahrer akzeptierten uns.

Wir gehörten plötzlich einfach dazu.

Sogar an der Polizei fuhren wir links an den Autos vorbei.

Anfangs hatten wir noch etwas Respekt davor.

Doch niemand störte sich daran.

Es war einfach normal.

Und irgendwann passierte etwas.

Wir waren nicht mehr einfach zwei Schweizer auf Mofas.

Für einen kurzen Moment wurden wir selbst zu Italienern.

Wir riefen laut:

«Ale, ale!»

«Tutto bene!»

Wir lachten.

Die Leute lachten.

Manche erschraken.

Andere winkten uns zu.

Simon fuhr manchmal ein Stück voraus und rief den Fussgängern laut:

«Attenzione!»

Schliesslich kam hinter ihm noch ein Puch Maxi mit Anhänger und praktisch ohne funktionierende Hinterradbremse.

Bremsen war inzwischen eher etwas, das ich möglichst vermeiden wollte.

Wir waren im Flow.

Jetzt wollten wir einfach fahren.

Rollen lassen.

Und jede einzelne Minute geniessen.

Immer wieder mussten wir über die ganze Situation lachen.

Teilweise konnten wir uns vor Lachen kaum noch auf den Mofas halten.

So schnell waren wir am Vortag noch nie durch die Städte gekommen.

Als wir die Küste wieder erreichten, wurde uns erst richtig bewusst, wie wunderschön dieser Abschnitt eigentlich war.

Rechts von uns das Meer.

Die Sonne.

Die salzige Meeresluft.

Links die Felsen.

Vor uns die Tunnel, aus denen wir immer wieder ans Licht hinausfuhren.

Am Vortag hatten wir für all das überhaupt keinen Blick gehabt.

Wir wollten nur noch nach Monaco.

Jetzt konnten wir alles in Ruhe geniessen.

Jeder Tunnel öffnete den Blick wieder aufs Meer.

Jede Kurve zeigte uns ein neues Stück Küste.

Und plötzlich hatten wir Zeit, all das wahrzunehmen, woran wir am Tag zuvor einfach vorbeigefahren waren.

Während wir so dahinrollten, kamen immer wieder unsere eigenen Sprüche zurück.

«Onder de boom.»

«Piccolo Motore.»

«Piano, piano.»

Kleine Sätze.

Für andere bedeutungslos.

Für uns steckte hinter jedem einzelnen eine Geschichte.

Jedes Mal mussten wir wieder lachen.

Es waren Erinnerungen, die nur wegen dieser Reise entstanden waren.

Und genau in diesem Moment wurde uns bewusst, dass wir nicht einfach nur auf dem Heimweg waren.

Wir nahmen nicht nur unsere Mofas wieder mit nach Hause.

Wir nahmen unzählige Geschichten mit.

Geschichten, die uns wahrscheinlich ein Leben lang begleiten würden.

Irgendwann sahen wir auf der Karte, dass unser Treffpunkt nicht mehr weit entfernt war.

Wir hielten an und warteten.

Nur kurze Zeit später bog unser Taxi um die Ecke.

Was für ein Gefühl.

Eine riesige Erleichterung.

Wir hatten es geschafft.

Und gleichzeitig wussten wir:

Jetzt ist die Reise vorbei.

So schnell.

Der erste Tag wollte überhaupt nicht enden.

Und jetzt standen wir schon hier.

Wir luden die Mofas ein und machten uns gemeinsam auf den Weg Richtung Frutigen.

Plötzlich war alles anders.

Klimaanlage.

Bequeme Sitze.

Musik.

Kein Motorengeräusch.

Keine Vibrationen.

Einfach Ruhe.

Noch vor wenigen Minuten hatten wir jeden Windstoss gespürt.

Jede Bodenwelle.

Jeden Geruch.

Jetzt zogen Landschaft und Orte lautlos am Autofenster vorbei.

Wir schauten hinaus und versuchten zu erkennen, wo wir vielleicht mit den Mofas vorbeigefahren waren.

Immer wieder zeigten wir aus dem Fenster.

«Dort sind wir gestern durch.»

«Hier haben wir angehalten.»

«Da drüben muss das gewesen sein.»

Mit jedem Kilometer erzählten wir uns noch einmal die schönsten Erlebnisse der vergangenen Tage.

Die Pannen.

Die Reparaturen.

Die lustigsten Sprüche.

Die schönsten Aussichten.

Den Tankwart.

Die Formel-1-Strecke.

Je mehr wir erzählten, desto mehr fiel uns wieder ein.

Es war, als würden wir die Reise ein zweites Mal erleben.

Die Fahrt verging wie im Flug.

In Frutigen angekommen, luden wir alles aus.

Jeder nahm wieder mit, was ihm gehörte.

Dann kam der Moment, den wir während der ganzen Reise nie erlebt hatten.

Wir verabschiedeten uns.

Zum ersten Mal seit Frutigen würden wir nicht mehr gemeinsam weiterfahren.

Ich zog meinen Helm noch einmal an.

Startete meine Maxi.

Und fuhr alleine los.

Plötzlich war es still.

Kein «rechts».

Kein «links».

Kein Lachen.

Kein Simon mehr neben mir.

Nur ich.

Meine Maxi.

Und ein warmer Sommerabend.

Zum ersten Mal seit dem Start unserer Reise war ich wieder alleine unterwegs.

Die letzten Kilometer führten mich zurück nach Hause.

Eigentlich hätte diese Strecke ganz gewöhnlich sein sollen.

Doch nach allem, was wir gemeinsam erlebt hatten, fühlte sie sich plötzlich ganz anders an.

Etwa auf halber Strecke passierte tatsächlich noch etwas.

Mir ging das Benzin aus.

Ich rollte an den Strassenrand.

Eigentlich genau wie schon x-mal auf dieser Reise.

Doch diesmal war ich alleine.

Ich ging zum Anhänger.

Löste die Spanngurte.

Holte den Kanister hervor.

Tankte meine Maxi.

Und fuhr weiter.

Es war das letzte Mal.

Das letzte Mal, dass ich auf dieser Reise den Kanister hervorholte.

Das letzte Mal, dass ich am Strassenrand stand.

Das letzte Mal, dass ich den Zweitaktmotor startete, bevor dieses Abenteuer endgültig zu Ende ging.

Als ich in unser Dorf einbog und in die Strasse kam, in der unsere Reise nur wenige Tage zuvor begonnen hatte, war das ein komisches Gefühl.

Ich stellte die Maxi ab.

Lief ein paar Schritte davon.

Drehte mich noch einmal um.

Und schaute sie einfach an.

Da lief mir tatsächlich eine kleine Träne über die Wange.

Nicht weil ich traurig war.

Sondern weil ich stolz war.

Stolz auf meine Maxi.

Stolz auf mich.

Stolz auf Simon.

Stolz auf uns.

Es gibt Menschen, die sind weiter gefahren.

Es gibt Menschen, die haben grössere Abenteuer erlebt.

Darum ging es aber nie.

Es war unsere Geschichte.

Sie begann mit einer verrückten Idee.

Und plötzlich wurde sie Wirklichkeit.

Überall liest man den Satz:

«Mach das, was dich glücklich macht.»

Ich glaube, da fehlt noch etwas.

Mach das, was dich glücklich macht.

Aber mach es auch wirklich.

Denn Träume bleiben nur Träume, solange man nicht den Mut hat, sie zu leben.

Wenn dir also eines Tages ein Freund sagt:

«Komm, wir fahren mit dem Töffli nach Monaco.»

Dann denk nicht zu lange nach.

Sondern sag einfach:

«Ja.»

Danke, dass du unsere Geschichte bis zum Ende gelesen hast.

Wenn dir dein Kollege irgendwann sagt: «Komm, fahren wir mit dem Mofa nach Monaco.» — dann denk nicht lange nach.

Sag einfach JA. ❤️
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